Bis jetzt war für mich der Umzug reine Fiktion. In meinem Kopf machten sich Gedanken breit, irgendwo zwischen “Jaja, irgendwann” und “Ist ja noch lange hin”. Von wegen! Heute hat mich die Realität eingeholt… auf einem Rollwagen (Redaktionsintern auch “Hund” genannt). Lager ausräumen stand heute ganz groß auf dem Tagesprogramm. Das heißt soviel, wie das komplette Archiv der VW SPEED und ihrem Schwestermagazin GUTE FAHRT in die neuen Redaktionsräume zu verfrachten. Also rund 25 Ausgaben jeder jemals erschienenen Guten Fahrt (Seit 1948…) und VW SPEED (nicht ganz so lange… 1995, immerhin) samt passender Regale aus der Tiefgarage von Gebäude A in den ersten Stock von Gebäude B schleppen. Los ging’s um 15:00 Uhr…

…mit dem äußerst komplexen Zusammenbauen der Rollwagen. Die Dinger zu besorgen, war mein Job. ALDI hat die übrigens gerade im Angebot und wie sich herausstellte sind die tatsächlich genauso billig wie instabil. Vorerst bescherte mit die Aufgabe allerdings den Gewinnerjob! Während ich auf den Treppen vor dem neuen Büro ziemlich entspannt vor mich hin werkelte…

… und eindrucksvoll unter Beweis stellte, dass SPEED-Praktikanten nicht nur schreiben, sondern auch schrauben können, hatten es andere eher weniger… äh… entspannt…

…und schleppten bereits die ersten Regale in das neue Redaktions-Archiv. Der Name SPEEDiteur kommt eben nicht von ungefähr! Wie sich herausstellte war Redakteur Georg Otto in seiner Freizeit nicht untätig geblieben und hat wohl ganz im Stillen mal eben sein eigenes Umzugsunternehmen gegründet. Dachte wohl, dass würde keiner merken…

…EPP steht dabei laut eigener Aussage übrigens für “Eitler Porsche Poser”. Großartiger Firmenname. Jetzt habt ihr also einen Karton gesehen, insgesamt gab’s davon mehr als reichlich…

… gane drei Fuhren mit dem Redaktions T5 waren es am Ende. Die 393849 Fahrten mit dem Aufzug nicht zu vergessen. Aber, wir sind fertig! Irgendwer muss den ganzen Kram jetzt nur noch einsortieren und ich hab auch schon so eine leise Vorahnung wer das sein wird…
Es war eine einfache Aufgabe. Zu einfach um etwas falsch zu machen. Es gab nur mich, einen brandneuen Scirocco 2.0 TFSI und vielleicht drei Kilometer Weg. Der Deal war simpel: Ich hatte Georg (stellvertretender Chefredakteur Gute Fahrt) mein Auto geliehen. Er musste dringend seine Freundin vom Bahnhof abholen, sein fahrbarer Untersatz, ein Scirocco-Testwagen der Guten Fahrt, stand allerdings noch in der Tiefgarage und war mitten im Fotoshooting mit Fotograf Stefan Bau. Da Autos für ein Fotoshooting natürlich blitzsauber sein müssen und mein zweiter Vorname „Waschstraße” ist, war ich ebenfalls noch beschäftigt. Es ergab sich also folgende Situation: Georg mit meinem (Privat!)-Auto ab zum Bahnhof, ich hatte den Schlüssel für den Test-Scirocco in der Hand und für später wurde ein Treffen in der Karlsruher Innenstadt vereinbart um die Autos wieder zurückzutauschen.

Zugegeben, dass ich dabei einen 1965er Käfer im Marktwert von vielleicht 3 Tüv-Einzelabnahmen gegen das aktuelle Scirocco Topmodell mit 200 PS, Irgendwas-Soundsystem und hellbrauner Lederausstattung tauschte, machte mir die Entscheidung nicht gerade einfacher. Als Georg sich auf den Weg machte also laut „Geil-o-mat!” gebrüllt nur um direkt danach von Stefan Bau mit einem „Da hinten am Fenster ist noch ein Fleck, Prakti!” wieder hart auf den Boden der Realität zurückgeholt zu werden.
Um 20:15 Uhr waren schließlich alle Bilder für die Gute Fahrt 10/08 im Kasten, der Geruch von Scheibenklar chronisch in meinen Nebenhöhlen eingebrannt und mein rechter Fuß da wo er hingehört – auf dem Gaspedal. Ich war natürlich obligatorisch zu spät dran, ließ mich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Es waren ja nur drei Kilometer bis zum Treffpunkt (Des Redakteurs zweite Heimat: WOK China Schnellimbiss), die Musik im Radio entspannend und nichts wäre ärgerlicher, als wenn das Gesicht des Praktikanten zusammen mit einem Testwagen, der ihm nicht gehört, auf einem Blitzerfoto auftauchen.
Es wäre auch bestimmt alles gut gegangen, wenn ich nicht vollkommen unfähig wäre ein Restaurant zu finden, dass weiter als fünf Meter außerhalb meines Sichtbereichs liegt. Georg ahnte es schon, ich bestätigte es… ich hatte die richtige Einfahrt verpasst, war zu weit gefahren, stand jetzt vor einer roten Ampel und zudem noch auf der rechten Fahrspur. Zeit für den Innenstadt-Praktikanten-Plan B: Gas durchdrücken, linke Abbiege-Spur noch vor der nächsten Ampel erreichen, 180 Grad Wende über die Straßenbahngleise und Georg würde von meiner totalen orientierungstechnischen Inkompetenz nie etwas mitbekommen.
Der Plan scheiterte ungefähr nach ziemlich genau 50 Metern. Gaspedal ins Bodenblech getreten, 200 PS in quietschenden Vortrieb verwandelt und bis zur nächsten Polizeikelle stark beschleunigt. Eben… bis zur nächsten Polizeikelle. Glücklicherweise schafft es auch ein topmotorisierter Scirocco nicht, in 50 Meter die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h deutlich zu überschreiten. Keine 50 Meter nach der Ampel parkte ein Streifenwagen, die Beamten standen daneben und wer hat sie mal wieder nicht gesehen: ich! Das Quietschen meiner Niederquerschnittsreifen muss sie wohl irgendwie aufgeschreckt haben und da sie gerade sowieso nichts zu tun hatten hieß es nach ganzen ZWEI Kilometern Scirocco fahren:
„Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte!”
Die folgenden Geschehnisse drehten sich um die eine alles entscheidende Frage, die einen der zwei Beamten sichtbar quälte: Was antwortet wohl ein (laut Personalausweis) 22 Jahre alter etwas verplant wirkender Typ auf die Frage, warum er gerade hinter dem Steuer eines brandneuen übermotorisierten Beinahe-Sportwagens mit Wolfsburger Kennzeichen sitzt und an der Ampel etwas Gummi großzügig auf dem Asphalt verteilt hat? Ich beschloss bei der (Halb-)Wahrheit zu bleiben:
„Ja also wissen Sie, dass ist so. Ich bin Redakteur (Praktikant fand ich in dem Moment eher unpassend) für die Automagazine Gute Fahrt und VW Speed. Die Redaktion sitzt in Karlsruhe-Neureut und ich komme gerade von der Arbeit. Das an der Ampel eben tut mir Leid, ehrlich. Ich fahre diesen doch sehr sportlichen Testwagen noch keine zwei Kilometer und habe die Leistung wohl einfach unterschätzt. Wissen sie, ich bin im Stress. Mein Chefredakteur wartet keine 300 Meter weiter da vorne ums Eck, ich bin spät dran und ich muss ihm unbedingt noch heute dieses Auto vorbeibringen. Das heißt ich bin in fünf Minuten wieder Fußgänger (fast) und richte heute Abend ganz bestimmt keinen Schaden mehr an. Könnten sie mich also bitte schnell weiterfahren lassen?”
Der Blick wirkte unentschlossen, aber die Antwort klang viel versprechend:
„Ja Herr Abele, diese Sportlichkeit muss man dann ja nicht sofort ausnutzen. Dann sehen sie mal zu, dass sie das Auto schnell abgeben. Ich hoffe, dass kommt nicht wieder vor!”
Großartig! Ehrlich währt halt doch am längsten. Es wäre bestimmt auch alles gut gelaufen, wäre nicht in der Zwischenzeit eine SMS von Georg auf meinem Handy aufgetaucht. Die Zusammenfassung klingt ungefähr so: „Hey Prakti, dauert zu lange, du hast dich bestimmt wieder verfahren, keine Lust länger zu warten, bin schon zu mir nach Hause gefahren, Adresse ist im Navi eingespeichert, bis später.” Also gut, dann halt nicht. Werd ich ihm halt vor der Haustüre alles erklären.
Ich gebe zu, in dem Moment dachte ich, ich hätte nur Vorteile: Geiles Auto unterm Arsch, geiler Typ am Steuer (maßlose Selbstüberschätzung), geile Anlage, und das Ganze Freitagabends in der Karlsruher Innenstadt. Ja, ich war bereit die Fahrt zu Georg nach Hause wirklich zu genießen. Also: Scheiben runter, Musik laut und ganz viel mit dem Schiebe… Hubdach rumspielen! Ich fühlte mich großartig.
Ich fühlte mich großartig bis ich mal wieder an einer roten Ampel stand und vor mir ein Polizeiwagen vorbeifuhr und links in meine Straße einbog. „Oh bitte bitte, lass es nicht die von gerade eben sein”…. Ha, Zonk! Als der Beamte am Steuer des silber/grüne Passat-Kombi neben mir auf der Gegenfahrbahn anhielt und mich mit großen Augen ansah, war mir alles klar. Das waren die Gleichen. Der gleiche Typ, der ihnen vor 10 Minuten in einer Kontrolle erzählt hat, er wäre den Redakteur und den Wagen ganz sicher in 300 Meter los, sitzt jetzt in besagtem Wagen auf der anderen Straßenseite, hat die Fenster unten, die Musik laut und versucht irgendwie cool auszusehen. Wenn Blicke töten könnten hätte Deutschland bei dem Blick des Polizisten um ganz Karlsruhe trauern müssen. Ich glaube er sagte so was wie:
„Heinz, ich glaub der Typ hat uns von hinten bis vorne verarscht!!!”.
Die Wahrheit, dass mein Chefredakteur in der Zwischenzeit heimgefahren war und ich ihm den Wagen jetzt da abliefern sollte, hätten sie mir ganz ganz GANZ sicher nicht abgekauft. Aber mit heruntergelassenen Scheiben laut Musik hören ist in Deutschland eben noch kein Verbrechen und so fuhren sie langsam, aber angesäuert, weiter. Das einzige was ich zustande brachte war ein dämliches Grinsen. Es sollte so aussehen wie ein „Das war alles die Wahrheit, wirklich!”-Grinsen, aber es wirkte wohl eher wie ein „Haha, ihr Deppen!”-Grinsen. Daran muss ich wohl noch arbeiten…

Nach der Ampel war ich laut Navi auch fast bei Georg. Der dachte natürlich immer noch ich hätte mich hoffnungslos verirrt und im Nachhinein weiß ich nicht ob es vielleicht besser gewesen wäre, ihn in dem Glauben zu lassen. Denn jedes Mal wenn die Wörter „Praktikant” und „Scirocco” jetzt in einem Satz fallen, ist der nächste zu 100 Prozent: „Hey, erzähl doch mal die Geschichte mit der Polizeikontrolle”…
Heute war ich mit dem Dauertestwagen (80.000 Kilometer mindestens) der Guten Fahrt im Karlsruher-Großstadtdschungel unterwegs. Dank einem Knopf in der Mittelkonsole auf dem „Offroad” steht, Allradantrieb und einer Wahnsinns-Bodenfreiheit schaffte es keine noch so hohe Bordsteinkante mich von der Suche nach einem adäquaten Parkplatz abzuhalten. Ist mir schon klar, warum in den Städten jetzt auf einmal alle diese SUVs fahren…
